Uneitel und bürgernah: Aigners Weg nach oben
Ilse Aigner könnte Deutschlands nächste Bundespräsidentin werden. Über eine ungeplante politische Karriere und wie man es ohne Machtgier bis ganz an die Spitze schaffen könnte.
München/Berlin (dpa) - Ilse Aigner steht kurz vor dem Ziel - von dem sie vielleicht geträumt, auf das sie aber nie hingearbeitet hat. Weil man auf eine Kandidatur für das höchste Staatsamt in Deutschland nicht hinarbeiten kann wie vielleicht auf andere politische Posten. Und weil sie eh nicht der Typ ist, der sich mit Machtgier und Ellenbogen gezielt bis ganz oben durchboxen würde.
Wegen genau dieser Gelassenheit wird die bayerische Landtagspräsidentin über Parteigrenzen hinweg geachtet und geschätzt. Die 61-Jährige gilt als nahbar und bürgernah, als uneitel, ausgleichend und kommunikativ. Dank ihrer unprätentiösen Art kann sie gut mit Menschen umgehen. Sie kann auch einfach mal nur zuhören. Als bayerische Landtagspräsidentin hat sie gezeigt, dass sie überparteilich agieren, aber auch klare Kante gegen die AfD zeigen kann.
Politisch in Bund und Land erfahren
Unstreitig ist Aigner politisch erfahren, und das auf vielen Ebenen. Sie war Bundestags- und Landtagsabgeordnete, sie war viele Jahre lang Ministerin in Bund und Land, schon seit 2018 ist sie Landtagspräsidentin. Und CSU-intern führt sie seit mittlerweile 15 Jahren den größten Bezirksverband Oberbayern - ohne dass ihr dort je jemand das Amt streitig gemacht hätte oder ihr gefährlich geworden wäre. Kein Wunder - bei Landtagswahlen ist sie ein verlässliches Stimmen-Zugpferd für ihre Partei, sie ist landauf, landab bekannt und beliebt.
Aigner ist keine Revolutionärin
Deshalb steht sie seit Jahren intern auch an erster Stelle der möglichen Nachfolger für Ministerpräsident Markus Söder. Wäre der irgendwann Kanzler geworden, Aigner wäre ihm wohl als bayerische Regierungschefin nachgefolgt.
Und mehr noch: Viele hätten Aigner an bestimmten Punkten zugetraut, Söder im Amt gefährlich zu werden, wenn der sich in einer Schwächephase befand. Aber Aigner ist keine, die den Machtkampf suchen würde. Sie sei keine Revolutionärin, keine Putschistin, so beschreibt es ein CSU-Vorstandsmitglied.
Das war schon vor Jahren sichtbar, als Aigner als Nachfolgerin von Horst Seehofer im Amt des Ministerpräsidenten gehandelt wurde - damit war sie automatisch eine Konkurrenz für Söder, der das Amt unbedingt wollte. Aigner verzichtete darauf, in den Kampf zu ziehen. «Ja, dieses Machtbewusstsein, sage ich mal so, das habe ich einfach nicht», sagte sie einmal. Sie müsse nicht unbedingt etwas haben, um sich selbst wichtig zu fühlen. «Das habe ich definitiv nicht, sondern ich bin mit dem, was ich bin, auch sehr zufrieden.»
Zwei Einschnitte
Vielleicht hat das damit zu tun, dass Aigner schon zweimal schwer krank war. Schon vor ihrem 18. Geburtstag musste ein Tumor in ihrem Rücken entfernt werden, der lange unentdeckt geblieben war und ihr schlimme Schmerzen bereitete. Eine Querschnittslähmung drohte. Ihr Blick aufs Leben, sagt Aigner, auf das, was wirklich wichtig sei, habe sich dadurch drastisch verändert.
Viele Jahre später, da war sie gerade Ministerin unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU), dann der nächste Einschnitt: Da wurde ein Tumor in der Schilddrüse diagnostiziert, diesmal ein bösartiges Karzinom. Es folgten Operation und Strahlentherapie. Sie habe dann in die Isolation müssen, erzählt Aigner kürzlich in einem Podcast von «Münchner Merkur» und «tz». Immerhin habe man gewusst, «dass es eine gute, sehr gute Heilungschance gibt». Letztlich war es dann auch nur eine relativ kurze Auszeit, bevor Aigner weitermachte.
Ansonsten gewährt Aigner nur selten Einblicke in ihr Privatleben. «Ich gehe als Single durchs Leben», sagte sie in dem Podcast - dies habe in ihrem Fall aber nichts mit Einsamkeit zu tun: «Ich lebe in einem großen Familienverbund, in einem sogenannten Dreigenerationenhaus, wo immer irgendwas los ist.»
Politische Karriere war nie geplant
Aigners Karriere begann in der Kommunalpolitik. Sie war Gemeinderätin in ihrer Heimat Feldkirchen-Westerham und gehörte dem Kreistag von Rosenheim an. Seit 1985 ist sie Mitglied der CSU. 1994 zog sie erstmals in den Landtag ein. 1998 dann der Wechsel in den Bundestag, wo sie bis 2013 blieb. Von 2008 bis 2013 war sie Bundesagrarministerin unter Merkel - bis Seehofer sie 2013 nach München holte. Aigner zog wieder in den Landtag ein und wurde Wirtschaftsministerin, später - unter Söder und bevor sie Landtagspräsidentin wurde - war sie kurzzeitig Staatsministerin für Wohnen Bau und Verkehr.
Derartige Karrierepläne habe sie nie gehabt, sagte Aigner einmal. Nach ihrem Realschulabschluss absolvierte sie erst eine Ausbildung als Radio- und Fernsehtechnikerin und später eine Fortbildung zur staatlich geprüften Elektrotechnikerin - und arbeitete dann in der Hubschrauberentwicklung.
Einzelne Kritikpunkte
Natürlich gibt es auch Kritikpunkte: dass Aigner kein politisches Alpha-Tier sei wie ein Friedrich Merz oder ein Markus Söder; dass sie keine begnadete Rednerin sei; dass sie keine allzu große außenpolitische Erfahrung habe - auch wenn sie als Bundesagrarministerin schon viele Verhandlungen in Brüssel führte. Und in den vergangenen Jahren reiste sie etwa in die Ukraine, in die USA und nach Indien, in diesem Jahr folgte ein Besuch in Sarajevo und Srebrenica.
Nun steht Aigner vor dem Höhepunkt ihrer Karriere. Nach dpa-Informationen will Kanzler Friedrich Merz sie am Sonntag und Montag den CDU-Gremien offiziell als Kandidatin vorschlagen. SPD- und Grünen-Politiker haben zuvor schon Unterstützung signalisiert, die CSU eh. Nach allem, wie es aussieht, kann Aigner bei der Bundesversammlung am 30. Januar also mit einer breiten Mehrheit rechnen.