Drängende Fragen nach dem Blackout in Berlin
Nach dem längsten Stromausfall in der Nachkriegsgeschichte atmet Berlin erst mal auf. Alles gut? Mitnichten. Viele Fragen zum Krisenmanagement oder zur Netzsicherheit bleiben offen.
Berlin (dpa) - Nach dem großen Stromausfall mit Zehntausenden Betroffenen, der auf einen mutmaßlich von Linksextremisten begangenen Brandanschlag zurückgeht, herrscht in Berlin vor allem eines: Erleichterung. Doch nach einem tagelangen Ausnahmezustand im Südwesten der Hauptstadt mit 100.000 Betroffenen bleiben viele Fragen. Die ausgerufene «Großschadenslage» bleibt vorerst bestehen, es gibt noch viel zu tun und aufzuarbeiten.
Wie kann kritische Infrastruktur besser geschützt werden?
Der Brandschlag auf eine Kabelbrücke mit diversen Hochspannungs- und Mittelspannungsleitungen über den Teltow-Kanal hat gezeigt, wie verwundbar das Stromnetz ist. Laut Betreiber verläuft ein Prozent des 35.000 Kilometer umfassenden Berliner Stromnetzes überirdisch, ist also besonders angreifbar. Nach Angaben der für Energie zuständigen Senatorin Franziska Giffey (SPD) ist schon länger beabsichtigt, weitere Kabel unter die Erde zu bringen. Zudem will der Berliner Senat nun neuralgische Punkte stärker per Video und Künstlicher Intelligenz (KI) überwachen. Ob das so einfach geht, bleibt abzuwarten: Denn der Datenschutz steht Kameras im öffentlichen Raum oft entgegen. Allerdings glaubt der Senat, mit dem Polizeigesetz eine rechtliche Grundlage zu haben.
Was muss beim Stromnetz selbst passieren?
Zunächst müssen Schäden aufwendig repariert, zerstörte Kabel ersetzt werden. Das kann nach Einschätzung der Verantwortlichen Wochen oder Monate dauern, bis dahin muss die jetzt gefundene provisorische Lösung halten. An einer zweiten Lösung an einem Umspannwerk wird weiter gearbeitet, um so etwas mehr Sicherheit zu bekommen. Bis diese fertiggestellt ist, sollen alle Notstromaggregate vorerst vor Ort bleiben und Krisenstäbe weiter tagen.
Aufgabe wird auch sein, Stromnetze noch redundanter als heute zu machen - also mehr alternative Verbindungen zu schaffen, über die im Falle eines Ausfalls Strom transportiert werden kann. Der Verband für Sichere Transport- und Verteilnetze (VST-Kritis) sieht daher einen Weckruf, um solche Redundanzen bundesweit zu verbessern: «Jede Störung ist auch eine Chance, Resilienz neu zu denken und Koordination weiter zu optimieren.»
Was ist mit dem Krisenmanagement?
«Die Berliner Katastrophenschutzbehörden sind organisatorisch und personell nicht ausreichend auf Katastrophen und Großschadensereignisse vorbereitet», warnte der Landesrechnungshof im Jahresbericht 2025. Berlin sei im Ernstfall «nicht handlungsfähig». Das bewahrheitete sich zum Glück so nicht.
Am Samstag nach Beginn des Stromausfalls am frühen Morgen gegen 06.00 Uhr kamen sofort erste Krisenstäbe zusammen. Regierungschef Kai Wegner (CDU) und andere Senatsmitglieder, Polizei und Feuerwehr, Verbände sowie der betroffene Bezirk organisierten Hilfe, auch von Bundeswehr oder anderen Bundesländern. Sie schufen Notunterkünfte zum Aufwärmen und andere Anlaufpunkte zum Aufladen von Handys, Verpflegung wurde organisiert. Auch die Zivilgesellschaft zeigte viel Zusammenhalt, Privatleute oder Kirchengemeinden boten praktische Hilfe unterschiedlichster Art an.
Was lief nicht so gut?
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass nicht alles sofort und optimal funktionierte. Das Aktivieren von Helfern und Material wie Notstromaggregaten brauchte Zeit, Bürger beschwerten sich gerade anfangs über mangelnde Informationen und zu wenig praktische Hilfe, in der Zusammenarbeit Beteiligter ruckelte es mitunter. Wegner selbst wurde von anderen Politikern kritisiert, weil am ersten Tag des Blackouts nicht in den betroffenen Stadtteilen präsent war. Inzwischen wurde bekannt, dass er an dem Tag zwischenzeitlich eine Stunde Tennis spielte, Rücktrittsforderungen werden laut. Vieles in der Krisenbewältigung habe gut funktioniert, bilanziert der Regierungschef, bevor diese Meldung die Runde machte. «Wir müssen jetzt gucken, wo wir die Abläufe optimieren können. Wir sollten aus der Krise weiter lernen.»
Was sind die wirtschaftlichen Folgen?
Die Unternehmen in Berlin erwarten infolge des Blackouts schwere wirtschaftliche Folgen. Der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB), Alexander Schirp, sprach bereits am Tag zwei des Stromausfalls von «Schäden in Millionenhöhe an Anlagen und Maschinen und durch hohe Umsatzausfälle». Nun gehe es vor allem darum, die Schäden in der Infrastruktur und in der Wirtschaft zu bilanzieren und zu beheben.
«Der Großschaden an der Infrastruktur hat viele Schwachstellen in unseren Systemen offengelegt», meinte Schirp. «Politik, Behörden und Wirtschaft müssen nun rasch die Lehren daraus ziehen.» Zugleich forderte Schirp die Betriebe auf, sich auch selbst besser gegen solche Vorfälle zu wappnen.
Worauf sollten Hausbesitzer achten?
Die Innung Sanitär Heizung Klempner (SHK Innung) wies darauf hin, dass es infolge des Stromausfalls unter Umständen zu Frostfolgeschäden an Heizungsanlagen und Wasserleitungen kommen kann. Eine pauschale Aussage zu möglichen Zwischenfällen sei nicht möglich, hieß es. Die Wärmeversorgung müsse wieder hochgefahren werden. Nötig seien Neuprogrammierungen und Einstellungen der Heizungen. Wichtig: «Greifen Sie nicht selber in die Installationsanlagen ein, ein Abschalten oder die Entleerung von Geräten sollte nur in Absprache mit dem Fachbetrieb vorgenommen werden», so die Innung.
Wie stehen die Chancen, die Täter zu fassen?
Zu dem Brandanschlag bekannten sich die linksextremistischen sogenannten «Vulkangruppen». Seit 2011 verübte die Gruppierung nach Einschätzung des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Berlin und Brandenburg insgesamt 13 Anschläge auf Infrastruktureinrichtungen. Auch die Bundesregierung geht davon aus, dass die Tat linksextremistisch motiviert ist. Der Polizei gelang es bisher nicht, die Beteiligten zu fassen. Die Ermittlungen sind auch schwierig, weil die Täter professionell vorgehen und kaum Spuren hinterlassen. Handys werden nicht mitgenommen, Videokameras im öffentlichen Raum gemieden, von verwertbaren Fingerabdrücken oder DNA-Spuren ist nichts bekannt. Zugleich gibt es in Berlin eine feste linksextreme Szene, die jede Zusammenarbeit mit der Polizei ablehnt und zu bestimmten Taten dauerhaft schweigt.
Was tun Polizei und andere Sicherheitsbehörden?
Die Polizei startete einen breit angelegten Zeugenaufruf, wertet Spuren vom Tatort aus. Das Landeskriminalamt richtete eine eigene Ermittlungsgruppe ein, das Bundeskriminalamt (BKA) ist eingeschaltet. Auch der Verfassungsschutz ist eingebunden. Die Ermittlungen führt jetzt die Bundesanwaltschaft. Aus Sicht der obersten deutschen Strafverfolgungsbehörde besteht der Verdacht der verfassungsfeindlichen Sabotage, der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, der Brandstiftung und der Störung öffentlicher Betriebe.
Ergebnisse gibt es noch nicht: Von mehreren Dutzend Zeugenhinweisen soll laut Polizei eine kleinere Anzahl erfolgversprechend sein. Videomaterial wurde sichergestellt. Zugleich sind die Ankündigungen der Politik recht vollmundig: «Wir werden den Druck sowas von erhöhen», sagt Wegner. «Wir wollen sie kriegen, und wir wollen, dass sie eine entsprechende Bestrafung bekommen.» Ähnliches hatte Innensenatorin Iris Spranger (SPD) schon im September bei einem ähnlichen Anschlag im Stadtbezirk Treptow-Köpenick verkündet: «Wir kriegen euch.» Eingelöst wurde das Versprechen bisher nicht.
Was wollen die Täter eigentlich erreichen?
Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) geht davon aus, dass hinter den «Vulkangruppen» nicht ein einzelner Personenzusammenschluss steht, sondern mehrere militant-anarchistische Gruppen. 2018 verübte eine davon einen Brandanschlag auf Versorgungsleitungen in Berlin, worauf etwa 6.500 Haushalte und 400 Betriebe stundenlang keinen Strom hatten. In einem Bekennerschreiben hieß es damals, Ziel sei es gewesen, «einen Moment unkontrollierten Lebens zu schaffen». 2023 traf es Stromversorgungsleitungen für ein mit Steinkohle betriebenes Heizkraftwerk. Die mutmaßlichen Täter sprachen von einer «Notwehrmaßnahme» gegen «neokoloniale Ausbeutung und die weltweite Zerstörung».
Der 2024 betroffene Autohersteller Tesla in Brandenburg wurde von den Extremisten laut BfV als Repräsentant eines totalitären «Herrschaftssystems» diffamiert. Im Bekennerscheiben zum jüngsten Anschlag heißt es unter anderem: «Die Infrastrukturen, die dem „technologischen Angriff“ dienen und der Zerstörung der Erde Vorschub leisten, können sabotiert werden.»