Zugbegleiter zu Tode geprügelt - Urteil fällt
Ein Zugbegleiter stirbt nach einer brutalen Attacke bei der Fahrscheinkontrolle. Jetzt steht das Urteil gegen den mutmaßlichen Täter bevor. Warum die Angehörigen des Opfers fernbleiben.
Zweibrücken (dpa) - Es ist ein Richterspruch, der mit Spannung erwartet wird: Fünf Monate nach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter in Rheinland-Pfalz wird heute (10.00 Uhr) im Landgericht Zweibrücken das Urteil gegen den mutmaßlichen Täter erwartet.
Der 26 Jahre alte Angeklagte soll dem Schaffner Anfang Februar bei einer Ticketkontrolle nahe Landstuhl (Westpfalz) mit den Fäusten so heftig gegen den Kopf geschlagen haben, dass dieser zwei Tage später an einer Hirnblutung im Krankenhaus starb.
Wie kam es dazu?
Der angeklagte Grieche mit Wohnsitz in Luxemburg hatte keinen Fahrschein und wollte sich nicht ausweisen. Daraufhin forderte ihn der Zugbegleiter auf, den Regionalexpress zu verlassen: Der Angeklagte rastete aus und schlug mit voller Wucht mehrfach zu, bis das Opfer Serkan Calar (36) bewusstlos wurde. Die komplette Tat ist von den Kameras im Zug aufgezeichnet worden.
«Der äußere Geschehensablauf ist zweifelsfrei dokumentiert», sagte Staatsanwalt Christian Horras in seinem Plädoyer. Er forderte zwölf Jahre Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Einen Tötungsvorsatz sah er nicht - sonst wäre es womöglich Totschlag oder Mord gewesen.
Die Verteidigung sieht einen minderschweren Fall der Körperverletzung mit Todesfolge und fordert ein Urteil «im Bereich des unteren Strafrahmens». Die Anwälte der Opferfamilie bewerteten die Tat dagegen als Mord aus niedrigen Beweggründen und plädierten auf eine lebenslange Haftstrafe.
Nebenkläger enttäuscht
«Das Urteil stand unserer Ansicht nach von Anfang an fest», sagte Yalcin Tekinoglu, Anwalt der Familie. Die Angehörigen hätten sich gewünscht, dass das Gericht auch eine Verurteilung wegen Totschlags oder Mordes in Betracht gezogen hätte: Dazu hätte es von der Kammer einen rechtlichen Hinweis gebraucht, der aber nicht erteilt wurde.
«Wir sind von dem erwarteten Ergebnis enttäuscht», sagte der Anwalt. Die Angehörigen und Freunde des Opfers, die die ersten Prozesstage vor Ort waren, würden auch zur Urteilsverkündung «ganz bewusst nicht kommen». Bei den Plädoyers blieben sie auch bereits fern.
Tod von Serkan Calar reißt große Lücke
Der Prozess sei für die Familienangehörigen sehr belastend, sagte der Opferbeauftragte der Landesregierung Rheinland-Pfalz, Detlef Placzek. Er verstehe, dass sie versuchten, ihre Position deutlich zu machen: «Dass es für sie mehr ist als eine Körperverletzung mit Todesfolge, sondern dass auch die Absicht dahinterstand», sagte Placzek.
Der Tod von Serkan Calar habe in seiner Familie «eine große Lücke gerissen, die sehr, sehr schwer, wenn überhaupt, dann noch einmal über die Zeit hinweg vernarben kann. Aber Narben werden bleiben». Das Opfer hinterlasse zwei Kinder im Alter von 10 und 12 Jahren, die nun von der Familie versorgt würden. Calar war alleinerziehender Vater.
Übergriffe gegen Bahnmitarbeitende nehmen zu
Die Zahl der Übergriffe auf Mitarbeitende der Bahn steigt seit Jahren, berichtet ein Security-Manager von der DB Regio Mitte. «Quantität und Qualität nehmen zu. Das erschreckt mich schon», sagt er im Gericht. 2025 habe es in seinem Bereich 231 Körperverletzungsdelikte gegeben. «Das Meiste ist Anspucken.» Er sehe, dass sich die Gesellschaft verändere. «Es gibt keinen Respekt mehr.»
Seit mehr als 20 Jahren gebe es bei der Bahn Deeskalationstrainings. Der getötete Zugbegleiter habe etwa achtmal an solch einem Training teilgenommen. Einen Angriff mit solch einer Heftigkeit wie auf Serkan Calar habe er noch nie erlebt. «Der Angriff kam aus heiterem Himmel.»