Alkoholfrei durch den Sommer - Wandel im Winzerland
Einen schwipsfreien Abend ohne Kopfweh am Morgen danach? Der Trend zum Verzicht auf Alkohol ist nicht neu. Was in der Cocktailszene längst normal ist, macht sich im Weinland erst allmählich breit.
Kitzingen/Eibelstadt (dpa/lby) - Ernährung, Sport, Body-Transformation - gerade im Sommer darf bei vielen Menschen angesichts von Minirock oder Mikro-Shorts nicht zu viel am Körper schwabbeln. Zu viel Alkohol macht dick und krank, und so trinken die Jüngeren wissenschaftlich nachgewiesen deutlich weniger als Ältere.
Auch Menschen, die viele Medikamente nehmen, sollten eher auf Alkohol verzichten, Schwangere und Schwerkranke ohnehin. Hinzu kommt der wachsende Anteil von Menschen, der aus religiösen Gründen nicht trinkt.
Der Trend zum Alkoholfreien, den der Biermarkt seit Jahren zeigt, kommt peu à peu auch bei Weinfans an. Warum investieren Winzer in alkoholfrei – und was geht dabei verloren?
Bierbrauer helfen Winzerin
Elke Röder, Winzermeisterin des Weinguts Leo Sauer im unterfränkischen Eibelstadt, gilt frankenweit als Pionierin, wenn es um alkoholfreien Wein geht. «Der ausschlaggebende Kunde war ein Wirt», erzählt die 61-Jährige. In seiner Weingastronomie hätten die Gäste allabendlich mit ihm anstoßen - er hingegen aber nicht beschwipst nach Hause fahren wollen.
So habe sie sich bei Bierbrauern Expertise geholt, experimentiert, Chargen weggeworfen. Mit einem Müller-Thurgau sei es schließlich gelungen, 1990 den ersten alkoholfreien Wein in ihrem Haus anzubieten. Waren es damals noch um die 300 bis 400 Liter jährlich, sind heute etwa 15 Prozent der Weine des Weinguts alkoholfrei - gut 7.500 Liter Weißwein, Rotwein und Rosé.
Alkoholfrei kommt langsam in Fahrt
Auch wenn die Nachfrage steigt - alkoholfreier Wein ist für die meisten Winzer noch eine Nische. So gibt das Deutsche Weininstitut den Anteil von alkoholfreiem Wein am Umsatz des gesamten deutschen Weinmarkts mit nur rund zwei Prozent an. Ein Blick auf die Wachstumsquote bundesweit zeigt allerdings ein Viertel mehr bei Absatz und Umsatz im vergangenen Jahr, wie Weinbaureferent Stephan Schmitt vom Fränkischen Weinbauverband erzählt. Eine Chance womöglich, denn vielen Winzern steht das Wasser bis zum Hals.
Kostendruck, gerodete Weinflächen
Die Weinwirtschaft kämpft aktuell mit einer Vielzahl von Problemen. Zum einen wird weniger Alkohol in Deutschland getrunken, und wenn, dann stammen Schmidt zufolge nur vier von zehn geleerten Weinflaschen aus Deutschland. Zugleich stiegen die Kosten kontinuierlich etwa für Mindestlohn oder Sprit.
«Wir haben zunehmend Betriebe, die ihre Flächen aufgeben», berichtet Schmidt. Immer mehr gerodete Hektar zwischen grünen Weinreben zeugen von der schwierigen Lage der etwa 3.400 Winzer in Franken. «Also fünf vor zwölf ist es eigentlich schon nicht mehr», sagt Winzerin Röder, es sei schlimmer.
Neue Kunden gesucht
Auch Frankens größte Winzergemeinschaft GWF in Kitzingen kämpft mit dem Strukturwandel. Kreative Produkte müssen her, um die Jüngeren zu gewinnen und die Älteren zu halten. Seit April hat die GWF eine Entalkoholisierungsanlage, um auf dem Markt der alkoholfreien Weine ganz vorn mitzuspielen. Etwa 700.000 Euro wurden investiert, damit die mehr als 900 Mitgliedswinzer neue Kunden gewinnen.
«Mir als Weinliebhaber blutet natürlich das Herz», gesteht GWF-Kellermeister Kilian Scheuring, wenn er Silvaner, Bacchus und Co den geschmackstragenden Alkohol entzieht. «Aber auf der anderen Seite ist es ein Produkt für eine ganz andere Zielgruppe als die klassischen Weintrinker, die schon seit 20, 30 Jahren ihren Frankenwein trinken.»
Schonend bei nicht mehr als 30 Grad
Scheuring blickt auf der neuen Edelstahlanlage auf ein Display, um zu kontrollieren, was mit dem gerade eingefüllten Silvaner in der neuen Maschine aus Baden-Württemberg passiert. Er kontrolliert Alkoholgehalt, CO2-Anteil und andere Parameter, während der Wein aus einem 3.000-Liter-Tank durch die Anlage strömt und ihm über eine hydrophobe Membran schonend bei etwa 30 Grad der Alkohol entzogen wird. Im zweiten Schritt werden dem Produkt die Aromen, die durch das Entalkoholisieren verloren gehen, wieder zugefügt.
Binnen einer Stunde wird aus 500 Liter Silvaner und seinen 10 bis 13 Prozent Volumenprozent Alkohol ein nahezu alkoholfreies Getränk. Allerdings mit Verlust - sowohl in der Menge als auch bei Geschmack und Haltbarkeit.
Mehr Arbeit, höherer Preis
«Du merkst, dass dem Wein etwas fehlt», sagt Winzermeisterin Röder. «Einem Weintrinker, der seinen Silvaner oder Bacchus oder Müller-Thurgau liebt und es trinken darf, dem empfiehlt man keinen alkoholfreien Wein.»
Hinzu kommt die Herausforderung Preis: Eigentlich müsste alkoholfreier Wein teurer als alkoholhaltiger Wein verkauft werden, weil zum einen etwa zehn Prozent der Menge durch den fehlenden Alkohol verschwunden sind und mehr Arbeit im Alkoholfreiem steckt. Ein bis zwei Euro mehr müssten es eigentlich sein, sagt Weinbaureferent Schmidt.
Stichwort Mischkalkulation
Zwei Euro mehr je Flasche? Dafür war der Markt lange nicht bereit, wie Winzerin Röder erzählt. «Wenn die Flasche von Anfang an neun Euro gekostet hätte, hätte sich ja niemand dafür interessiert. Und deswegen haben wir das sehr moderat angefangen. Jetzt sind wir eben bei 8,50 Euro der Dreiviertelliter.»
Für die meisten Winzer rechnet sich der Alkoholfreie bisher nicht, lediglich in der Mischkalkulation mit anderen Produkten steht am Ende vielleicht ein Plus.
Alkoholfrei bedeutet nicht alkoholfrei
Ganz ohne Alkohol kommt alkoholfreier Wein allerdings nicht aus - maximal 0,5 Prozent Alkohol sind erlaubt. Für einen Alkoholiker sei auch dieser geringe Anteil schon ein Trigger, warnt Thomas Polak, Experte für Abhängigkeitserkrankungen und Chefarzt an der Fachklinik Weibersbrunn der Hephata Diakonie. «Das ist regelhaft bei solchen Menschen der Einstieg in den Rückfall, beziehungsweise es ist schon ein Rückfall», sagt er. «Ich persönlich finde, man darf es nicht alkoholfrei nennen.»