„Unser Ziel ist immer, den gesunden Kern eines Unternehmens zu erhalten und Arbeitsplätze zu sichern“ – Christian Plail über die steigenden Insolvenzen in Bayern
„Unser Ziel ist immer, den gesunden Kern eines Unternehmens zu erhalten und Arbeitsplätze zu sichern“, sagt Insolvenzverwalter Christian Plail. Die Zahl der Insolvenzen in Bayern ist um elf Prozent gestiegen. Was das für die Wirtschaft bedeutet, lest ihr im Interview.
Auch in Bayern kämpfen immer mehr Firmen ums Überleben und müssen Insolvenz anmelden. Im letzten Jahr ist die Zahl der Insolvenzen laut dem Landesamt für Statistik um elf Prozent gestiegen. Dann kommen Insolvenzverwalter wie Christian Plail ins Spiel. Der Krumbacher arbeitet bei einer der größten Wirtschaftskanzleien Bayerns, Schneider Geiwitz & Partner. Er versucht dann, Betriebe wieder auf Kurs zu bringen und neue Investoren zu finden - auch wenn die Lage gerade schwierig ist. Ziel sei es immer, den gesunden Kern eines Unternehmens zu erhalten und Arbeitsplätze zu sichern, so Plail im Antenne Bayern-Interview.
Herr Plail, kann man sagen: Wenn Sie viel zu tun haben, geht es der Wirtschaft schlecht?
Das ist vielleicht etwas übertrieben. Wir beschäftigen uns nicht nur mit Insolvenzverwaltungen, sondern auch mit klassischen Rechtsanwalts- und Wirtschaftsprüfungsmandaten. Aber tatsächlich ist unsere insolvenznahe Abteilung im Moment stark gefordert.
Gibt es aktuell viele Insolvenzen?
Ja, das kann man auch an den Aktenzeichen bei den Gerichten sehen. Es tut sich viel – in allen Bereichen, Branchen und Größenordnungen. Es gibt kleine, mittlere und vermehrt auch wieder größere Insolvenzverfahren.
Sind wir schon am Höhepunkt dieser Welle?
Ich glaube nicht. Die Zahlen sind zwar deutlich höher als in den vergangenen Jahren, aber das liegt auch an der Corona-Pandemie. Damals gab es weniger Insolvenzverfahren, weil Unternehmen gefördert wurden und die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt war. Jetzt erleben wir einen Nachholeffekt. Wir sind aber noch nicht bei den Rekordzahlen von vor etwa 20 Jahren.
Da ist erstmal Troubleshooting angesagt: das Umfeld beruhigen, das Unternehmen schnell kennenlernen und die richtigen Schritte einleiten.
Insolvenzverwalter Christian Plail
Wie gehen Sie an eine neue Insolvenz heran? Gibt es einen festen Ablauf?
Jedes Unternehmen und jede Branche ist anders und braucht eine eigene Herangehensweise. Es gibt aber Grundaufgaben, die wir am Anfang immer bewältigen müssen. Wir kommen oft in Unternehmen, in denen die Stimmung schlecht ist: Der Unternehmer ist niedergeschlagen, die Mitarbeiter haben keine Löhne bekommen, der Gerichtsvollzieher war schon da, der Strom wird abgestellt, Lieferanten wollen ihre Ware zurück. Da ist erstmal Troubleshooting angesagt: das Umfeld beruhigen, das Unternehmen schnell kennenlernen und die richtigen Schritte einleiten, damit das Geschäft weiterlaufen kann.
Was sind die häufigsten Gründe für Insolvenzen?
Es gibt hausgemachte und äußere Gründe. Manchmal sind es Managementfehler, weil Signale nicht rechtzeitig erkannt werden. Oft sind es aber auch strukturelle oder konjunkturelle Probleme, etwa wenn Krisen wie Lieferengpässe und internationale Politik die Unternehmen treffen.
Gibt es aktuell besonders betroffene Branchen?
Im Moment ist das Besondere, dass es quer durch alle Branchen geht: Nahrungsmittelindustrie, Handel, Maschinenbau, Chemie – überall gibt es Unternehmen mit Schwierigkeiten.
Spielt Corona immer noch eine Rolle?
Ja, zum einen, weil damals auch Unternehmen am Markt blieben, die eigentlich keine Berechtigung mehr hatten. Zum anderen erleben wir jetzt, dass viele die Corona-Hilfen zurückzahlen müssen, was zu Zahlungsschwierigkeiten führt.
Was raten Sie Unternehmen, um eine Insolvenz zu vermeiden?
Man sollte seine Zahlen im Griff haben, die Buchhaltung überwachen und rechtzeitig gegensteuern. Es gibt Insolvenzen, bei denen der Unternehmer selbst überrascht war, weil das Geld plötzlich ausging – das hätte man oft früher erkennen können.
Ist es schwieriger geworden, Käufer für angeschlagene Unternehmen zu finden?
Ja, es wird schwieriger. Investoren sind zurückhaltender, weil die Entwicklung vieler Unternehmen zu ungewiss ist. Das macht unsere Arbeit nicht leichter. Unser Ziel ist immer, den gesunden Kern eines Unternehmens zu erhalten und Arbeitsplätze zu sichern, aber das wird aktuell schwieriger.
Was ist der Unterschied zwischen Insolvenz in Eigenverwaltung und einem normalen Verfahren?
Bei der Eigenverwaltung kann der Unternehmer das Verfahren selbst verwalten, bleibt also im Fahrersitz. Das setzt Redlichkeit und ein gutes Sanierungskonzept voraus. Das Gericht prüft, ob die Voraussetzungen vorliegen, und stellt einen Sachwalter zur Seite, der alles überwacht. Es ist meist für größere Verfahren geeignet und erfordert viel Beratung.
Gab es einen besonders ungewöhnlichen oder überraschenden Fall in Ihrer Karriere?
Es gibt viele besondere Erfahrungen, weil wir in allen Branchen unterwegs sind – vom Metzger bis zum Hightech-Unternehmen. Besonders waren die großen Verfahren, wie etwa bei Walter Bau, wo allein die Aktenordner aneinandergestellt eine Länge von 100 Kilometern gehabt hätten. Aber auch kleine Verfahren können emotional sehr bewegend sein, etwa wenn es um Traditionsbetriebe wie das Thalia-Kino in Augsburg geht, das wir retten konnten.
Gibt es auch Lichtblicke in Ihrer Arbeit?
Ja, wenn es gelingt, ein Unternehmen zu retten und Arbeitsplätze zu erhalten, ist das ein sehr positives Gefühl. Natürlich muss man oft auch Mitarbeiter entlassen, aber wir bemühen uns, das so verträglich wie möglich zu gestalten.
Was macht Ihnen Mut für die Zukunft?
Ich bin Berufsoptimist. Es gibt immer Konjunkturzyklen – nach dem Abschwung kommt auch wieder ein Aufschwung. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch in Krisenzeiten das Beste für die Wirtschaft und die Unternehmen erreichen können, wenn wir mutig und entschlossen an die Aufgaben herangehen.